In einer solch
prekären Situation ist es schwierig, eine objektive
Bestandsaufnahme, die es
auch in der Vergangenheit nie gegeben hat, zu erstellen.
Die uns
vorliegenden Zahlen und Informationen sind durch unsere direkten
Kontakte,
durch Veröffentlichungen der WHO, der MoPH und der NGO’s
zusammengestellt.
Das Land hat ca.
22.000 Mio. Einwohner, mehrheitlich Kinder und Frauen. Verwaltet wird
es in 7
Zonen und 30 Provinzen, 344 Distrikten und Subdistrikten. Etwa die
Hälfte der
Bevölkerung lebt in Zentral-, Ost- und Südafghanistan. Die
Ansiedlung der
Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran ist ein Unsicherheitsfaktor
bei der
weiteren Planung bezüglich des medizinischen Aufbaus. Die
Verteilung der
vorhandenen Krankenbetten ist zentralisiert. z.B. leben in Kabul 12 %
der
Bevölkerung, dieser Teil verfügt über 50 % der Betten,
dies macht eine
Dezentralisierung notwendig.
Allgemeine Gesundheitssituation:
Es wird geschätzt, dass
6 Mio.
Menschen überhaupt keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung
haben. Zugang
zu sauberem Wasser haben heute nur 23 % der Bevölkerung (18 % im
ländlichen
Bereich, 43 % in den Städten). In 50 von 344 Distrikten gibt es
keinerlei
medizinische Versorgung. Der Analphabetismus liegt im Allgemeinen bei
90 %, bei
Frauen noch höher. Die Lebenserwartung liegt bei Männern um
45 Jahre, bei
Frauen um 47 Jahre. 70% der Bevölkerung ist unterernährt,
jedes zweite Kind ist
unterernährt. 700 qkm sind vermint oder kontaminiert mit
Blindgängern.
Angstzustände sind die häufigsten Ursachen für den
Besuch eines
Gesundheitszentrums in ländlichen Gebieten. Über 80 % der
Bevölkerung in Kabul
hat Angst oder Depressionen (UNICEF Umfrage).
Aufgrund
der fehlenden Aufklärung
werden die Frauen ca. 10-12-mal schwanger. Jede halbe Stunde verstirbt
eine
Frau an Schwangerschaftskomplikationen. In Afghanistan gibt es keine
Vorsorge,
Anämie, Infektionen und unterernährte Mütter sind die
Ursachen der hohen
Sterblichkeit. Jährlich sterben 15.000 Menschen an Tuberkulose,
davon 13.000
Frauen, schlechte Hygiene und fehlende Medikamente sind die Ursachen.
Die
Sterblichkeitsrate der Mütter beträgt 1.700 auf 100.000
Geburten.
In
Afghanistan sind 3.906 Ärzte und
Ärztinnen vorhanden, benötigt werden 5.826 (WHO 2001). Der
Anteil der Ärztinnen
ist sehr gering, die genaue Zahl ist nicht bekannt. Dies liegt daran,
dass in
Afghanistan in der Vergangenheit wenig Ärztinnen ausgebildet
wurden, in den
letzten 10 Jahren fast keine mehr. Die vorhandenen Ärztinnen sind
Produkte der
70 und 80 Jahren mit sehr schlechter Ausbildung und Weiterbildung.
Berufsverbot, fehlende Bücher oder Instrumentarien, nicht
ausreichend
verfügbare Kenntnisse der modernen Medizin haben dazu
geführt, dass es nur
wenige Fachärzte für Frauenheilkunde in Afghanistan gibt.
Aufgrund der
fehlenden medizinischen Ausbildung von 1992 – 2001 wird Afghanistan in
der
nächsten Zeit noch weitere Probleme haben, wenn die vorhandenen
Ärzte aus dem
Arbeitleben ausscheiden und die nächste Generation von Ärzten
noch nicht
ausreichend ausgebildet ist. So wird deutlich wie wichtig es ist, die
wenigen
existierende Ärztinnen weiterzubilden und mit der modernen
medizinischen
Technik vertraut zu machen. Diese so ausgebildeten Ärzte
können dann als
Multiplikator fungieren.
In
Kabul studieren z.Z. über 2000
Studenten Medizin, 15 % davon sind Frauen. In Jalalabad studieren 1.100
Medizin, davon 125 (10,2
%) Frauen. In Herat, Masar-i-Sharif und Badakhshan sind die
medizinischen Fakultäten in Betrieb, Zahlen sind uns nicht
bekannt.
Allgemeiner
Eindruck und Begegnungen:
In Kabul und Umgebung
existieren ca.
2.668 Ärzte (WHO 2001), davon führen nur 10 Ärzte
Ultraschalluntersuchungen in
ihren Praxen durch. Die Ärzte in Afghanistan kennen und
praktizieren die
Ultraschalluntersuchung seit weniger als 10 Jahren. Im Krankenhaus
werden keine
Ultraschalluntersuchung durchgeführt, obwohl in manchen
Krankenhäusern
gebrauchte Geräte vorhanden sind. Stationäre Patienten werden
gegen Bezahlung
zu Ultraschalluntersuchung in private Praxen geschickt. Die Ärzte
haben die
Ultraschalluntersuchung in Pakistan gelernt. Bis jetzt wurde nur einmal
ein
Ultraschallkurs im Jahr 1999, mit Unterstützung der WHO, im
Jamhuriat
Lehrkrankenhaus durchgeführt (Ausbilder Dr. Nawab Kamal). Die von
uns geplanten
Ultraschallkurse (siehe Planung des Projektes) wurden von allen
Behörden und
Kollegen in Afghanistan sehr positiv aufgenommen.
In Jalalabad wurden folgende
Personen und Institutionen konsultiert:
-
Präsident der Universität Jalalabad, Prof. Dr.
Fasli
Khadir
-
Präsident der medizinischen Fakultät Jalalabad,
Prof.
Dr. Shinwari
-
Leiter der Gesundheitsbehörde in Jalalabad, Dr.
Ebrahim
-
Leiter der Frauen- und Klinik in Jalalabad, Dr. Mariam
Akram
In
Kabul wurden folgende
Personen und Institutionen kontaktiert:
-
Ministerin für Gesundheitswesen, Frau General Dr.
med.
Sohila Sediq
-
Minister für Wideraufbau, Herr Dr. Amin Farhang
-
Ministerin für Frauenfragen, Frau Habiba Sorabi
-
Minister für Höhere Bildung, Herr Faizi
-
Universität Kabul, Medizinische Fakultät, Prof.
Chiragali
(Chirurg)
-
Malalai
Krankenhaus , Frau Dr. Fahima Sekanderi Khalil
-
Jamhuriat Krankenhaus, Herr Dr. A. Shakohammand, Herr
Dr. Nawab Kamal
-
Frauenklinik Rabia-Balkhi , Kabul
-
WHO,
Herr Dr. Abid Momin
-
Deutsche Botschaft Kabul, Herr Gauster 2.Sekretär
-
Auswärtiges Amt, Herr Nicolas Schütt,
Koordinator für
humanitäre Hilfe
-
ISAF,
Bundeswehr, Dr. Seibert
-
DED, Herr Dr. Bauer
-
GTZ, Frau Thiel, Herr Dr. Bayan Shairshah, Frau
Dallmeir
-
DAAD, Frau Schlottmann
-
Caritas
International, Herr Francois Large,
-
Dr. König von LEPCO war zu der Zeit nicht in Kabul
-
Sowie mehrere MCH
Kliniken in Kabul und Jalalabad.
Konkrete
Schritte und Planung:
Von uns
wurden zwei neue
Ultraschallgeräte der Firma Aloka (vom Bischöflichen
Hilfswerk Misereor
finanziert ), nach Kabul transportiert. Sie befinden sich z.Zt. im
Büro des DED
in Kabul. Es werden uns noch zwei weitere Geräte zur
Verfügung gestellt, eines
von der Bundeswehr und eines vom Gesundheitsministerium. (Spende der
Firma
Siemens)
Projektbeschreibung:
Zielgruppe
sind afghanische Ärzte
des Fachbereichs Gynäkologie und Innere Medizin. Die Ärzte,
die an der
Ausbildung teilnehmen, müssen eine zweijährige klinische
Tätigkeit nachweisen
können. Gute Sprachkenntnisse in Englisch sind erforderlich. Eine
Übersetzung
in Farsi durch die afghanischen Ärzte ist vorgesehen.
Die
Teilnehmer sollen von den
Kliniken und den fördernden Institutionen
(unter Aufsicht der MoPH) benannt werden. Ziel ist es auch Ärzte
und
Ärztinnen aus den Provinzen auszubilden. Frauen werden bei
gleicher Qualifikation
bevorzugt. Es sollen 20 Ärzte gleichzeitig ausgebildet werden. Die
Dozenten
kommen aus Deutschland. Es handelt sich um afghanische und deutsche
Ärzte und
Ärztinnen mit Berechtigung zur Ausbildung für
Ultraschalluntersuchungen.
Folgende Dozenten sind derzeit als Ausbilder vorgesehen:
-
Dr. med. Arndt Dohmen, Internist/Angiologe, leitender
Chefarzt der Hochrheinklinik
Bad Säckingen, Ausbilder am Institut für Kardiovasculäre
Fort- und
Weiterbildung e.V.
-
Frau Dr.med. Ulrike Neumeyer, Hamm, Internisten,
Kardiologie,
Intensivmedizin
-
Frau Dr. med. Shala Amu, Gynäkologin in
Göttingen
-
Frau Dr. med. Maria Thiemann, niedergelassene
Gynäkologin in Freiburg i. Br.,
Ausbilderin in der
gynäkologischen Sonographie
-
Dr. med. Kamal Eslam, niedergelassener Internist in
Rüsselsheim
-
Dr. med. Nadjib Ahmadiar, niedergelassener Internist in
Engelskirchen
-
Dr. med. Zahir Nazary, niedergelassener Allgemeinarzt
in Freiburg i.Br.
-
Dr. Michael Iselborn, Gynäkologe in Freiburg i.Br.
-
Kollegen der DEGUM haben sich auch bereit erklärt.
Es ist
vorgesehen in der
ausbildungsfreien Zeit, die von uns mitgebrachten Geräte den
Verantwortlichen
der Kliniken zum Training im klinischen Alltag zur Verfügung zu
stellen.
Der Ablauf des
Kurses ist nach dem derzeitigen Stand wie folgt
geplant:
Teil 1
Anfängerkurs- 4 Wochen- Beginn: Oktober 2002
-
theoretische Grundlagen der Sonographie
jeweils 2 Wochen Gynäkologie und
Geburtshilfe, bzw. Innere Medizin,
vorwiegend Normalbefunde (siehe
Curriculum)
-
Vormittags: Theorie mit praktischen Demonstrationen
-
Nachmittags Übungen an den Geräten nach freier
Zeiteinteilung und unter fachkundiger Betreuung
Teil 2
Aufbaukurs- 4 Wochen- Beginn voraussichtlich Ende Dezember 2002
-
Ablauf wie Teil 1, mit Ausnahme der theoretischen
Grundlagen
-
Pathologische Krankheitsbilder
Teil 3
Abschlusskurs – 4 Wochen – ist
vorgesehen für Frühjahr 2003
Nachdem
an den vorhandenen und
evtl. zusätzlichen Geräten ausreichend Erfahrung gesammelt
wurde und jeder
Teilnehmer ca. 100 Fälle mit Diagnostik und Ultraschallbildern
dokumentiert
vorlegt, sollen Übungen zur differenzierten Diagnostik
stattfinden. Die
Kenntnisse der Teilnehmer werden überprüft und vertieft. Nach
erfolgreicher
Teilnahme wird ein Zeugnis für die Befähigung zur
Ultraschalluntersuchung
ausgestellt. Dieses Zeugnis berechtigt ausdrücklich nicht
zur Ultraschalluntersuchung mit selbständigen
Diagnosen. Die Erlaubnis wird von der afghanischen
Gesundheitsbehörde erteilt.
Die notwendige Prüfung kann erst nach längerer Praxis und
unter Vorlage von ca.
1.000 dokumentierten Fällen mit Ultraschallbildern und Diagnosen
erfolgen. Der ADAV ist bereit in der Prüfungskommission
der Gesundheitsbehörde mitzuwirken.
Mit dem
Abschluss des 3. Kurses
erfolgt ein Monitorring durch Mitglieder des ADAV.
Durchführung:
Anfängerkurs im Oktober 2002
Der
Ultraschallkurs wird im
Maternity Hospital – Malalai (monatlich
2.736 Patienten, 1.700 Geburten) und
Jamhuriat Krankenhaus (Lehrkrankenhaus)
durchgeführt. An den ersten drei Tagen bekommen alle Teilnehmer
gemeinsamen
Unterricht, unterrichtet werden allgemeine Ultraschallkenntnisse. Nach
4 Tagen
werden die Internisten im Jamhuriat Krankenhaus unterrichtet. Der
Unterricht
beinhaltet einen theoretischen (vormittags) und einen praktischen
(nachmittags)
Teil. Je Ultraschallgerät werden maximal 5 Ärzte ausgebildet.
Der Inhalt des
Unterrichts wird vom ADAV zusammengestellt, das Unterrichtsmaterial
stellt die
WHO, Kabul bereit.
Übernachten
werden die Dozenten im
Park Gästehaus in Shar-i-Naw, nicht weit entfernt von den
Kliniken. Hier werden
auch Gäste des DED, der GTZ und anderer NGO`s untergebracht. Es
wurden bereits
5 Zimmer für Oktober reserviert. Die Dozenten werden morgens mit
einem für sie
gemieteten Auto vom Gästehaus abgeholt, in die Klinik gefahren und
nachmittags
wieder zurückgebracht.
Schlussfolgerung:
Aus
folgenden Gründen möchte der
ADAV diese Methode in Afghanistan realisieren:
·
Die Ultraschalluntersuchung ist eine in der
Medizin anerkannte und wertvolle Methode.
·
Die Methode ist leicht verfügbar, (benötigt
wird
das Geräte und Strom)
·
Die jetzigen vorhandenen Ärzte und Ärztinnen
benötigen dringend neue medizinische Erkenntnisse,
davon profitieren die
Patienten und die kommende Ärztegeneration
·
Transfer moderner medizinischer Technologie aus
Europa nach Afghanistan
·
Exilafghanische Dozenten können effektiv beim
Wiederaufbau der medizinischen Infrastruktur
eingesetzt werden
·
Deutsche Dozenten können durch Kontakte zur
Völkerverständigung und einem aktiven Dialog
beitragen
·
Eine derartige Arbeit des ADAV kann eine
Vorbildfunktion für andere im Ausland lebende Afghanen
bezüglich des
Wiederaufbaus haben
·
Dies kann als kleiner Schritt zur politischen
und sozialen Stabilität in der Region dienen.
·
Bei Erfolg und mit zunehmender Erfahrung kann
dieses Projekt auch auf die Provinzen übertragen und
dort durchgeführt werden.
Durch
die Ausbildung von 20 Ärzten
können langfristig 10.000 Menschen monatlich mit Ultraschall
untersucht und Diagnosen gestellt werden. Diese
Standarddiagnostik ermöglicht es, den Gesundheitszustand der
Bevölkerung zu
verbessern, besonders aber in der Geburtshilfe die Mütter- und
Kindersterblichkeit zu vermindern.
In
einem weiteren Schritt ist
geplant, besonders geschickte und motivierte Ärzte im Ausland
(bevorzugt
Nachbarländer) weiterzubilden, damit diese ihrerseits in
Afghanistan
Ausbilderkurse für Ultraschalluntersuchung durchführen
können.
Abkürzungen
ADAV
|
Afghanisch-Deutscher-Ärtzeverein
e.V. |
DAAD
|
Deutscher
Akademischer
Austauschdienst |
| DED |
Deutscher
Entwicklungsdienst |
DEGUM
|
Deutsche
Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. |
GTZ
|
Gesellschaft
für technische Zusammenarbeit |
| ISAF |
Internationale
Schutztruppe für Afghanistan |
LEBCO
|
Leprosy Control |
MCH-Clinic
|
Mutter-Kind-Klinik |
MoPH
|
Ministy of
Public Health |
NGO
|
Non
Governmental Organization |
UNICEF
|
Kinderhilfswerkder
Vereinten
Nationen |
WHO
|
World
Health Organisation |