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Reiseberichte - Kabul August
2002
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Eine
Reise nach Afghanistan, ein Jahr nach dem 11. September
(von Dr. Helgard Irion)
Fünf Ärzte des
Afghanisch-Deutschen Ärzteverein
e.V. (ADAV), drei Afghanen und zwei Deutsche sowie eine
auslandserfahrene Helferin waren für zwei bis vier Wochen in
Afghanistan.
Ziel der Reise war es die laufenden Projekte zu betreuen und neue auf
den Weg zu bringen.
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Seit
Anfang 1999, d.h. schon unter der Talibanherrschaft, betreibt der ADAV
eine Mother-Child-Health-Clinic (MCH-Clinic) in Jalalabad im Osten
Afghanistans. Dort werden jährlich 24.000 Mütter und Kinder
behandelt. Die Zahl steigt in letzter Zeit auf 2.500 bis 3.000 im
Monat. Mit Hilfe der WHO und der UNICEF werden jährlich über
20.000 Mütter und Kinder geimpft. Während des Wartens werden
die Mütter über Gesundheitsvorsorge informiert. Unsere
ambulante Klinik wurde unter 150 Kliniken der drei östlichen
Provinzen als eine der beiden besten ausgezeichnet. Sie wurde auch von
"Health Net International" ausgewählt um täglich 2.500 Liter
Milch zu verteilen. Die Bedingungen in der Klinik sind schwierig, da
das Klima mit über 40°C und hoher Luftfeuchtigkeit im Sommer
sehr belastend ist und bei einer Stromversorgung von nur zwei bis vier
Stunden täglich selbst das Betreiben eines Kühlschranks nicht
möglich ist. Langfristig werden wir nicht ohne eine Solaranlage
zur Gewinnung von Energie auskommen.
Eine
weitere MCH-Klinik im Rahmen eines Gesundheitszentrums soll in Andkhoy
im Norden Afghanistans entstehen. Das Gebäude ist aber noch stark
zerstört.
Eine
größere Sendung von 40 Tonnen, Medikamente und Instrumente,
darunter die gesamte Ausstattung einer gynäkologischen Klinik,
waren rechtzeitig vor unserer Ankunft auf dem See- und Landweg in
Jalalabad eingetroffen. Es war zu entscheiden, ob mit dieser
Einrichtung eine geburtshilflich-gynäkologische Klinik bei unserer
MCH-Klinik aufgebaut werden soll. Letztlich wurden das Instrumentarium
und die Geräte aber der geburtshilflich-gynäkologischen
Universitätsklinik in Jalalabad übergeben, da sie dort sofort
eingesetzt werden können.
Die
Universität bot unserem Verein ein größeres
Grundstück für unsere Klinik an, um ein Gesundheitszentrum in
Verbindung mit der Universität aufzubauen. Wahrscheinlich wird es
ein diagnostisches Zentrum werden.
Das
nächste aufwendige Projekt ist die Ausbildung afghanischer
Ärzte in Ultraschalldiagnostik. Die Gefährdung der
Mütter in der Schwangerschaft und Geburt steht an der Weltspitze,
ebenso wie die der Neugeborenen. Alle 30 Minuten stirbt in Afghanistan
eine Frau an Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen. Dies
bestätigt eine ganz neue Untersuchung der UNICEF. Durch die
frühe Diagnose von Komplikationen mittels Ultraschall - wie sie
für Europäer eine Selbstverständlichkeit ist - kann die
Überlebenschance der Mütter erhöht werden. Später
können die 20 ausgebildeten Ärzte monatlich bei ca. 10.000
Patienten Diagnosen mittels Sonographie stellen. Es ist weiterhin
geplant erfolgreiche Absolventen des Kurses in Deutschland so
weiterzubilden, daß sie später in den Provinzen Afghanistans
selbst Ärzte in Sonographie ausbilden können. Für den
Kurs haben wir zwei neue Ultraschallgeräte nach Kabul gebracht,
ein weiters Gerät, das die Firma Siemens beim Besuch des
Bundeskanzlers dem Land geschenkt hat, wird uns zur Verfügung
stehen. Außerdem dürfen wir mit personeller
Unterstützung durch die im Rahmen der ISAF bei Kabul stationierte
Bundeswehr rechnen.
Bei Besuchen in
vier Krankenhäusern war man sehr an der Ausbildung interessiert
zumal keines der Krankenhäuser über ein Ultraschallgerät
verfügt. Die Bedingungen in den Krankenhäusern sind für
europäische Verhältnisse unvorstellbar: Die Wasserversorgung
im Jamhuriat-Krankenhaus funktioniert häufig nur zwei Stunden am
Tag. Dies bedeutet, daß im Operationssaal ein kleiner
Wasserspeicher zum Händewaschen vor den Operationen dient. Es
kommt auch vor, daß während der Operationen der Generator
wegen Kraftstoffmangel aussetzt. Die Medikamente und z.B. auch das
Nahtmaterial für Operationen und das Verbandsmaterial müssen
sich die Patienten auf dem Basar beschaffen, da sonst die Operationen
nicht durchgeführt werden könnten. Im
geburtshilflich-gynäkologischen Malalai-Krankenhaus hatten die
männlichen Kollegen nur Zutritt zum Besprechungsraum der Leiterin.
Ein Besuch auf den Stationen oder im Kreissaal wurde
ausschließlich uns Frauen erlaubt.
In
den Ministerien fanden wir ausgesprochen freundliche Aufnahme. Der
Besuch beim Minister für Wiederaufbau war schon deshalb
problemlos, weil dieser fließend Deutsch spricht. Er
bestätigte aus eigener Erfahrung die Schwierigkeit vieler in
Deutschland lebender Afghanen, die ihrem Land zwar gerne helfen
würden, ihren Familien, vor allem aber den in Deutschland
aufgewachsenen Kindern, eine Umsiedlung unter den gegenwärtigen
Umständen nicht zumuten können. Viele Exilafghanen sind aber
zu einem längeren Einsatz in Afghanistan bereit.
Besonders
herzlich war der Empfang bei der Gesundheitsministerin, die früher
eine chirurgische Klinik mit 450 Betten geleitet hat. Die Ministerin
war genauestens über unsere MCH-Klinik informiert, die in der
Talibanzeit gut funktioniert hatte und in der, nachdem sie 2001 durch
die Angriffe der Allianz in Mitleidenschaft gezogen worden war, die
Arbeit nur für eine Woche eingestellt wurde. Es war ein herzliches
und fröhliches Gespräch. Beim Abschied umarmte mich die
Ministerin, eine Geste die mir sonst nie in Afghanistan begegnet war,
und sagte dabei leise "Thank you very
much".
Der
Wunsch zu Lernen ist ganz stark, gleichgültig ob es sich um
Schüler, Studenten oder fertige Akademiker handelt. Groß war
auf Wänden die Freude über die wiederbegonnene Schule -
für Jungen und Mädchen - gemalt. Stolz wurde über erste
Erfolge der kleinen Mädchen berichtet, die ja erst seit wenigen
Monaten zur Schule gehen durften.
In
der stark zerstörten Universität hatte man mit englischer
Unterstützung mit der Restaurierung begonnen. Wir sahen in der
Medizinischen Fakultät den ersten fertigen Hörsaal und die
Studenten waren begierig das Studium wieder aufzunehmen. Stolz
ließen sie sich mit dem afghanischen Arzt aus Deutschland
fotografieren.
Junge
Ingenieurinnen, die noch vor der Talibanzeit ihr Studium abgeschlossen
hatten, konnten ihr Wissen in einem 7-wöchigen, arbeitsintensiven
Kursus in der Universität auffrischen. Die Freude über den
erfolgreichen Abschluß, die Möglichkeit wieder zu arbeiten,
wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, war ebenso
spürbar, wie die Befreiung von der Burka, dem
Ganzkörperschleier. Mit dem kleinen Schleier, den Frauen jetzt
gerne tragen, wußten die jungen Frauen wohl zu kokettieren.
Neben den offiziellen Gesprächen war die persönliche
Begegnung mit Einheimischen voll warmer Gastlichkeit. Vom Flughafen
wurden wir zu den Verwandten der Kollegen gebracht. Bei der Fahrt griff
der etwa fünfjährige Junge neben mir nur zögernd nach
den angebotenen Bonbons. Auf meine Frage, ob es sich um einen Enkel des
älteren Gastgebers handle, erfuhr ich, daß es sein Sohn sei.
Später im Haus machte mir dann die blutjunge Mutter deutlich,
daß der Senior der Vater des Jungen und ihr Mann sei. Es war
keine Frage, sie konnte nicht die erste und einzige Frau sein sein.
Die beiden
Häuser der Großfamilie lagen in einer stark zerstörten
Gegend Kabuls, Trümmerhaufen auf der Straße, die
zerborstenen Fenster vernagelt. Es war aber erkennbar, daß es
einst schöne Häuser gewesen waren: Geschnitzte Decken und
Türeinfassungen vor denen jetzt zerschlissene Vorhänge
hingen. Im Inneren waren große Räume mit Teppichen
ausgelegt, Polster ringsum an den Wänden. Die Teppiche gaben den
baufälligen, meist blau getünchten Räumen etwas Warmes
und Festliches. Bedient wurden wir von halbwüchsigen Jungen. Ein
16Jähriger hatte gute Englischkenntnisse und war uns später
eine große Hilfe bei der Verständigung mit den Frauen. Der
kleine Sohn reichte uns eine wunderschöne Schale und goß uns
aus einer ebensolchen Kanne Wasser über die Hände. Auf dem
auf den Boden gebreiteten Wachstuch wurde ein reiches Mahl angerichtet.
Die Gastfreundschaft der in beschränkten Verhältnissen
lebenden Menschen war überwältigend. Außer uns zwei
deutschen Frauen nahmen keine Frauen am Essen teil. Später erfuhr
ich, daß, wenn keine Gäste da sind, die Frauen und Kinder
gemeinsam mit den Männern essen. Die einheimischen älteren
Männer, vor allem einer mit Turban, beeindruckten uns als
Patriarchen. Nach dem Essen hatten alle die Hände offen im
Schoß liegen und es war deutlich, daß ein Dankgebet den
Abschluß bildete.
Das Verhalten
der vertrauten afghanischen Kollegen in deren Heimat uns Frauen
gegenüber, vor allem in den Behörden, befremdete mich
manchmal.
Die
Zusammenarbeit von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in unserem
Verein ist nicht immer einfach zumal die Afghanen selbst ethnisch
unterschiedlicher Herkunft sind. Nur wenn das Ziel wichtiger ist als
die menschlichen Unterschiede, wenn wir uns gegenseitig respektieren
und in unseren unterschiedlichen Religionen achten, ist eine
erfolgreiche Zusammenarbeit möglich. Andererseits glaube ich,
daß die Stärke unseres Vereins aber gerade darin liegt,
daß wir uns in unserer Unterschiedlichkeit akzeptieren und
voneinander lernen. Die deutsche Gründlichkeit bei der Planung
garantiert in einem orientalischen Land nicht ein Gelingen der
Projekte. Das bestätigten uns deutsche Institutionen in Kabul. Nur
etwa 10% ihrer Projekte sind erfolgreich. Gerade in Afghanistan ist die
Basis guter Zusammenarbeit zwischen Afghanen und Deutschen im Verein
gewachsen. |
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Wenn
Sie Interesse an einer vorrübergehenden oder dauerhaften
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Afghanisch
Deutscher Ärzteverein
e.V.
Kaiser-Joseph-Str.205 79098 Freiburg
E-mail:doctor@adav.de Tel.:+49 (0)761-2924064 Fax:+49 (0)761-2927831
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